Alma Rosé-Preis für die Erforschung der Geschichte der Verfolgten des Nationalsozialismus und der Geschichte ihrer materiellen Verluste und Entziehungen

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Anita Lasker-Wallfisch über Alma Rosé

Zielsetzung

Der Alma Rosé-Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und wird für hervorragende wissenschaftliche Leistungen in der ersten Studienphase (wie Examens-, Diplom- und Masterarbeiten) vergeben. Es werden pro Jahr bis zu drei Preise vergeben. Dissertationen werden derzeit noch nicht gefördert. Auch innovative Formate wie Podcast, Video oder Visualisierungsformen der digital humanities (z.B. Storymaps) können eingereicht werden, sofern sie an einer deutschsprachigen Hochschule als Abschlussarbeit zugelassen worden sind.Gewürdigt werden akademische Qualifikationsschriften an deutschsprachigen Hochschulen, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus, im NS entzogenem Kulturgut sowie den Nachwirkungen beschäftigen (auch Nachkriegsjustiz), und dabei auf die Verfolgungsgeschichte, insbesondere im Hinblick auf den Vermögensentzug und die (privat-)wirtschaftliche Ausplünderung, fokussieren. Erbeten wird eine intensive Auseinandersetzung mit der Perspektive der Opfer in verschiedenen Kontexten ("Arisierung", "Verwertung", Restitutions- und Entschädigungsverfahren, symbolische „Wiedergutmachung“), der Entzugsgeschichte und ihren Akteuren, und mit der Verlustgeschichte von Objekten bzw. Gegenständen aller Art.Es ist insbesondere das Ziel des Preises, die noch junge Teildisziplin der Provenienzforschung, Forschungen zum Vermögensentzug, zur materiellen Kultur in diesem Themenfeld, sowie Entschädigungs- und Restitutionsverfahren an deutschsprachigen Hochschulen zu stärken und eine Anregung für Nachwuchswissenschaftler*innen zu bieten, sich mit diesen Themenfeldern kritisch auseinanderzusetzen und auf diesem Gebiet Grundlagenforschung zu leisten. Die Jury ist interdisziplinär besetzt, um die Perspektive verschiedener Fachdisziplinen einzubringen.

 

Zur Namensgeberin

Alma Rosé wurde als Nichte Gustav Mahlers in eine der bekanntesten Musikdynastien Österreichs, die Mahler-Rosé Familie, hineingeboren, war eine herausragende Solo-Violinistin und machte sich in den 1930er Jahren mit der Gruppe „Wiener Walzermädeln“ einen Namen. Von den Nationalsozialisten wurde sie nach dem „Anschluss“ aus rassischen Gründen, zusammen mit ihrem Vater, dem Konzertmeister der Wiener Philharmoniker Arnold Rosé, und mit ihren Instrumenten, einer Guadagnini und einer Stradivari, nach London ins Exil vertrieben. Alma befand sich auf einem Konzertengagement in den Niederlanden, als sie von der Besetzung durch die Wehrmacht überrascht wurde und so nachträglich in die Fänge der NS-Verfolgungsmaschinerie geriet. Der Plan, zu ihrem Bruder nach Kanada auszureisen scheiterte in letzter Minute. Bei ihrem Versuch, in die Schweiz zu flüchten, wurde sie aufgegriffen und von der Gestapo verhaftet.

1943 aus dem Durchgangslager Drancy nach Auschwitz verschleppt, wurde sie dort als die berühmte Alma Rosé erkannt, was die KZ-Aufseherin Maria Mandl bewog, sie aus Geltungssucht mit dem Aufbau eines Frauenorchesters in Auschwitz zu betrauen. Das Orchester war aus Musikerinnen im Alter zwischen 16 und 40 Jahren zusammengesetzt, denen somit eine Überlebenschance eingeräumt war. Das Orchester spielte Märsche beim Morgen- und Abendappell, ansonsten jedoch auch Konzerte klassischer Musik für alle („Sonntagskonzert“), oder Unterhaltungssongs, die die SS-AufseherInnen für private Veranstaltungen verlangten. Im April 1944 infizierte sich Alma Rosé und starb kurz darauf im SS-Krankenhaus des KZ Auschwitz, wo man sie trotz medizinischer Bemühungen nicht retten konnte. Es gibt Berichte, dass sogar das SS-Personal um sie trauerte.

Die meisten anderen Orchestermitglieder überlebten die Todesmärsche aus Auschwitz und die Befreiung in Bergen-Belsen, am bekanntesten ist die ehemalige Cellistin, Anita Lasker-Wallfisch, die regelmäßig in Vorträgen und Fernsehinterviews auf Alma Rosé, ihr Wiener Erbe, ihre musikalische Leistung sowie auf ihre Hilfsbereitschaft in Auschwitz aufmerksam macht. Klassische Musik war mit ein Faktor, um den KZ-Insassen Lebensmut zu geben und so ihren Überlebenswillen zu stärken.

Die Stradivari ihres Vaters Arnold Rosé ist seit 2006 im Besitz der Republik Österreich und wird durch die Sammlung historischer Streichinstrumente der Nationalbank verwaltet, die sie im Rahmen eines Stipendiums an aufstrebende junge MusikerInnen leihweise vergibt.

Im Zuge des noch jungen Forschungsfeldes der Provenienzforschung rückten zuletzt, nach spektakulären Studien zum Kunstraub, auch geraubte Instrumente in den Fokus der wissenschaftlichen Erforschung der NS-Unrechtspolitik (Objektgeschichte), daher eignet sich der Fall Alma Rosé symbolisch als Namensgeberin eines hier skizzierten, thematisch gewidmeten Examenspreises.Der Alma Rosé-Preis trägt zur Förderung und öffentlichen Anerkennung von Nachwuchswissenschaftler*innen bei und dient der Bewusstmachung der (auch wirtschaftlichen) Verbrechen des Nationalsozialismus, ihrer Profiteure und der Erinnerung an ihre Opfer, und damit der Aufklärung über Antisemitismus und Rassismus.

Er wird  von der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien gemeinsam mit der Österreichischen Nationalbank vergeben und einmal pro Jahr in einer öffentlichen Zeremonie verliehen.

Organisatorisch durchgeführt wird er von der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte (ÖGZ), die bereits den Dissertationspreis Irma Rosenberg erfolgreich administriert. Als Mitglieder der Jury sind Vertreter*innen des Fachgebietes Zeitgeschichte, Kunstgeschichte und fachnaher Wissenschaften gebeten worden mitzuwirken.

 

Deadline: 1.6.2024
Bewerbungen (Examensarbeit, Gutachten, Anschreiben) sind zu richten an Sekretariat Prof. Kerstin von Lingen, per email an almarosepreis.zeitgeschichte@univie.ac.at

 

Dissemination

Neben der Auszeichnung der wissenschaftlichen Arbeit ist zentral, die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit vorzustellen. So wird den Preisträger*innen die Möglichkeit geboten, einerseits im Rahmen einer kurzen Projektvorstellung während der Preisverleihung, andererseits in einer online Veröffentlichung (Blogbeitrag, Podcast, Visualisierung, Essay …) auf die erforschten Themen aufmerksam zu machen und die Themenbereiche Verfolgung und Vertreibung, Transfer und Translokation, Raub und Rückerstattung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dies stärkt ein gesellschaftliches Bewusstsein, das für gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rassismus sensibilisiert ist, und das durch Aufklärung über geschichtliche Ereignisse der Gewaltprävention und der Mahnung dient.